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Liebe Sammlerin, lieber Sammler,
letztes Mal verliess ich Dr. Urbanek auf dem Höhepunkt seines Aufstiegs in China, und ich liess eine Frau offen: Lela Shaw, eine Krankenschwester aus Shanghai. Ihre Heirat mit Urbanek beschäftigte gleich zwei Konsulate und einen Stapel Briefe. Heute die ganze Geschichte.
Lela war dreissig, Tochter eines Schiffskapitäns und Krankenschwester in einem der Spitäler Shanghais. Die Shaws waren eine britische Familie, verwurzelt in der internationalen Niederlassung am Huangpu. Urbanek dagegen war Böhme, in Wien ausgebildet, mit einem kaiserlich-königlichen Pass. Ein habsburgischer Arzt und eine britische Kapitänstochter, die in einem chinesischen Vertragshafen heiraten wollten. Schon das war eine kleine Weltgeschichte für sich.

Die Trauung war für den 17. Dezember 1909 geplant, in Chinkiang. So weit, so einfach. Nur war es das überhaupt nicht.
Das Problem war die Herkunft. Sie Britin, er Österreicher. Im britischen Recht hiess so etwas „mixed marriage“, und dafür galten besondere Regeln. Eine davon: ein Aufgebot. Eine öffentliche Ankündigung der Heirat im Konsulat, Wochen im Voraus, damit jeder, der einen Einwand hatte, ihn rechtzeitig vorbringen konnte. Dieses Aufgebot wurde nie ausgehängt. Die anglikanische Kirche von Mittelchina, die das Paar traute, kannte den Brauch nicht, anders als die Diözesen weiter im Norden. Und im Konsulat in Shanghai meldete die Heirat niemand an. Eine Kleinigkeit, dachten die beiden. Ein Formfehler, der bald die halbe britische Diplomatie in China beschäftigte.

Den Anfang machte Lelas Mutter. Schon Mitte November sprach sie mit ihrer Tochter im Konsulat vor, und kurz darauf schrieb sie, eine Registrierung sei völlig unnötig: Dekan Walker, der eigens nach Chinkiang reisen werde, um das Paar zu trauen, habe ihr versichert, seine kirchliche Trauung sei vollkommen rechtsgültig.
Das Konsulat sah das anders. Der britische Konsul in Chinkiang, ein Mann namens Pitzipios, stellte klar: ohne Aufgebot keine Trauung im Konsulat. Sein Kollege in Shanghai, der Vize-Generalkonsul Barton, grub sogar ein eigenes Gesetz von 1906 aus und stellte die unbequemste Frage von allen. Ist diese Ehe nach österreichischem Recht überhaupt gültig, ganz ohne Aufgebot? Niemand wusste es. Pitzipios schob die Frage an das österreichische Konsulat weiter. Was es darauf antwortete, ist bis heute nicht überliefert.
So gingen die Briefe hin und her, während ein Datum unaufhaltsam näher rückte: der 17. Dezember 1909.

An diesem Tag traute Dekan Walker das Paar. Kirchlich, nicht im Konsulat. Im konsularischen Register legte man den Eintrag trotzdem an, Nummer 13, fein säuberlich in Spalten: Name, Alter, Beruf, der Vater der Braut ein Schiffskapitän, der Vater des Bräutigams ein Fabrikant. Dann zog jemand einen roten Strich quer durch alles und schrieb daneben zwei Worte: „No Consular Marriage.“ Keine konsularische Ehe. Vor dem Altar verheiratet, vor dem Gesetz ein Fragezeichen.
Geheiratet haben sie trotzdem. Aus Lela Shaw wurde Lela Urbanek. Die Rechtsfrage löste sich nie sauber auf, aber das Leben kümmerte sich nicht darum. Fünf Jahre später, am 1. November 1914, kam in Hankow eine Tochter zur Welt. Sie bekam den Namen ihrer Grossmutter mit auf den Weg, jener resoluten Frau aus Shanghai: Antonia Augusta. Eine Familie war gegründet, zwischen zwei Welten, weit weg von Wien, noch weiter weg von Schaffhausen.

Glücklich, für den Moment. Doch die Urbaneks blieben nirgends lange. Die nächsten Jahre trieben die Familie quer durch China, von Hafen zu Hafen, immer dem nächsten Posten nach. Wohin der Weg führte und warum er so bitter endete, davon im nächsten Kapitel.
Herzliche Sammlergrüsse
Simon Hächler
Beweismaterial aus den Quellen
1. Der durchgestrichene Heiratseintrag (oben abgebildet). The National Archives, Kew, FO 387/4 (Register of Marriages, British Consulate Chinkiang). Eintrag Nr. 13 vom 17.12.1909: Bräutigam Miroslav Urbánek (37, Physician, Chinkiang), Braut Lela Shaw (Hospital Nurse, Shanghai), Konsul G. D. Pitzipios. Quer in roter Tinte durchgestrichen: „Cancelled — No Consular Marriage.“ Kopien via Prof. Robert Bickers, University of Bristol.
2. Pitzipios über das fehlende Aufgebot (FO 385/6). Brief des Konsuls Pitzipios an Dr. Urbánek, 12.12.1909: Da kein Aufgebot im Shanghai-Konsulat ausgehängt wurde, könne er am 17. keine konsularische Trauung vornehmen; die Frage, ob die Ehe nach österreichischem Recht ohne Aufgebot gültig sei, verweist er ans österreichische Konsulat. The National Archives, Kew, FO 385/6. Kopien via Prof. Robert Bickers, University of Bristol.

3. „Urbánek-Shaw Marriage“: der Brief der Brautmutter (FO 671/320 / FO 385/6). Augusta E. Shaw schrieb am 23.11.1909, eine Registrierung am Konsulat sei „quite unnecessary“, Dekan Walker habe versichert, sein „register & certificate“ seien „absolutely legal and valid“. Das belegt, dass die Familie die konsularische Anmeldung bewusst unterliess. Kopien via Prof. Robert Bickers, University of Bristol.

4. Die Geburt der Tochter, 1914 (North China Herald, 14.11.1914). Wörtlich: „URBANEK. — On November 1, 1914, at Hankow, to Dr. and Mrs. Urbanek, a daughter.“ Belegt Geburt und Ort der ersten Tochter.
5. Ihr voller Name, 1921 (North China Herald, 19.02.1921). Wörtlich: „Antonia Augusta Millicent … daughter of Dr. and Mrs. Urbanek, formerly of Hankow.“ Der zweite Vorname „Augusta“ trägt den Namen der Grossmutter mütterlicherseits, Augusta E. Shaw, weiter.
Alle Fakten im Text sind belegt. Leichte Erzähl-Glättungen sind als solche erkennbar. „Zwei Konsulate“ = das britische (zuständig für die Trauung) und das österreichische (zuständig für die Gültigkeitsfrage).


