Zwölf Stempel, eine Landkarte: Wie man die Reise eines Briefes liest

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4 Min. Lesezeit

Liebe Sammlerin, lieber Sammler,

nach den letzten Folgen kamen Fragen herein, vier an der Zahl, eine per Mail, drei am Telefon. Die häufigste war immer dieselbe: Welchen Weg nahm dieser Brief genau, bevor er nach knapp vier Monaten ungeöffnet zurückkam? Heute hole ich das nach und zeige zugleich, wie man so eine Reise liest. Denn der Brief verrät sie selbst, man muss ihn nur umdrehen.

Drehen Sie einen alten Brief um, und Sie halten eine kleine Landkarte in der Hand. Jeder Poststempel ist eine Station, jedes Datum ein Tag der Reise. Diese Stempel nennt der Sammler Leitstempel oder Transitstempel: Abdrücke der Postämter, die den Brief weiterreichten. Auf diesem Umschlag drängen sich rund zwölf davon. Liest man sie der Reihe nach, erzählen sie eine Reise von 114 Tagen.

Sie beginnt am 11. August 1904 in Schaffhausen. Einschreiben, Nummer 734, frankiert mit einer einzigen 50-Rappen-Marke der Stehenden Helvetia. Für das geübte Auge: SBK-Nr. 74Ec, Platte IIA, Feld 35. Von dort ging es nicht über Land, sondern auf dem klassischen Seeweg der Epoche: über das Mittelmeer nach Genua, durch den Suezkanal, vorbei an Aden und Colombo. Das war die feste Route der grossen Postdampfer. Kein Brief nach Niederländisch-Indien nahm 1904 einen anderen Weg.

Am 3. September trägt der Stempel von Singapur das erste asiatische Datum. Sechs Tage später erreicht der Brief sein Ziel: Palembang auf Sumatra.

Und dort steht der entscheidende Stempel. Ein einziges Wort, das die ganze Geschichte kippt: VERTROKKEN. Niederländisch für „abgereist“. In Niederländisch-Indien war das der amtliche Vermerk, wenn der Empfänger seinen Wohnort verlassen hatte. Dr. Urbanek, der Adressat, hatte den Posten längst aufgegeben. Pikant: Am selben Tag, an dem der Brief in Schaffhausen eingeworfen wurde, hatte er in Palembang seinen Abschied aus der Kolonialarmee beantragt. Der Brief war von der ersten Sekunde an zu spät.

Jetzt beginnt die Jagd, denn die Post gibt nicht auf. Die Stempel zeigen den Weg: Nachsendung nach Batavia, dem heutigen Jakarta, dort Vermerke vom 15. September bis Mitte Oktober. Dann weiter Richtung Hongkong, wo man den Arzt vermutet. Auch dort: niemand. Im Oktober kehrt der Brief um. Über Singapur tritt er den langen Rückweg an, der Stempel vom 25. Oktober beweist es. Am 2. Dezember 1904 liegt er wieder in Schaffhausen. Ungeöffnet.

114 Tage, zwei Kontinente, ein Mann, der immer schon weg war. Die handschriftlichen Vermerke in violetter Tinte auf der Rückseite sind die Notizen der Postbeamten, die ihn suchten und nie fanden.

Ein Wort für Sammler. Genau solche Belege sind in der Postgeschichte begehrt. Ein Brief, der nur von A nach B läuft, trägt zwei Stempel. Dieser hier trägt zwölf, dazu einen amtlichen Auslandsvermerk und eine ungeöffnete Rückkehr. Jeder Abdruck ist ein Dokument, kein Weg ist rekonstruiert, alles ist abgestempelt. Was so einen Reisebrief wertvoll macht, ist nicht das Porto, sondern die Lesbarkeit der Stempel und die Geschichte, die sie zusammen ergeben.

Diese Geschichte führt zu einem Mann, der zur Zeit dieser Reise schon quer durch Asien unterwegs war, immer weiter Richtung China. Wohin ihn sein eigener Weg trieb, von Hafen zu Hafen, davon erzähle ich im nächsten Kapitel.

Herzliche Sammlergrüsse

Simon Hächler


Beweismaterial aus den Quellen

Diese Geschichte steht und fällt mit einem einzigen Objekt: dem Brief selbst. Seine Stempel sind die Belege.

1. Die Rückseite mit den Leitstempeln. Rund zwölf Transitstempel mit lesbaren Daten: u. a. Singapur 03.09.1904 (Hinweg), Palembang mit dem Vermerk VERTROKKEN, Batavia/Weltevreden 15.09. bis 14.10.1904, Hongkong Oktober 1904, Singapur 25.10.1904 (Rückweg), Schaffhausen 02.12.1904. Der Laufweg ist nicht rekonstruiert, sondern abgestempelt. Dies ist die postgeschichtliche Hauptquelle.

2. Die Vorderseite. Trägt die Eckdaten sichtbar: Einschreib-Zettel „Schaffhausen No. 734“, Aufgabestempel 11. VIII. 04, die 50-Rp-Marke, die handschriftliche Adresse nach Palembang und denselben Vermerk VERTROKKEN.

3. Die Marke. Stehende Helvetia, SBK Nr. 74Ec, Platte IIA, Feld 35. 50 Rappen, im Einsatz zwischen 1882 und 1908.

4. Der Abschied am Aufgabetag. Die KNIL-Dienstakte (Nationaal Archief Den Haag, 2.13.04 inv. 659) belegt: Dr. Urbanek beantragte am 11.08.1904, dem Tag der Briefaufgabe, seinen Abschied aus der niederländisch-indischen Kolonialarmee. Das erklärt den VERTROKKEN-Vermerk und die ganze vergebliche Reise.


Simon Hächler

Philatelie-Experte und Inhaber der VENTIS Auktionen GmbH. Recherchiert die Geschichten hinter den Marken, aus Originalquellen.

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