Ein Brief, der vier Monate reiste und seinen Empfänger nie erreichte

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4 Min. Lesezeit

Die Urbanek-Story · Teil 1

Heute stelle ich Ihnen ein Stück Geschichte vor: einen Brief, der vier Monate unterwegs war und seinen Empfänger nie erreichte.

Schaffhausen, Donnerstag 11. August 1904.

Einen Tag zuvor hatte die japanische Marine im Gelben Meer die russische Pazifikflotte vernichtet. 2’477 Tote und Verwundete, darunter Konteradmiral Wilhelm Vitgeft, gefallen auf der Brücke seines Flaggschiffs. Port Arthur (heute Lüshun in der chinesischen Provinz Liaoning) war durch Admiral Tōgōs Flotte von der See aus blockiert. Russland stand im Russisch-Japanischen Krieg, den es ein Jahr später verlieren würde.

In genau dieser von Kriegen geprägten Welt wird auf der Poststelle in Schaffhausen ein eingeschriebener Brief aufgegeben. Frankiert mit einer grünen 50-Rp-Marke, einer Stehenden Helvetia SBK Nr. 74Ec (Druckplatte IIA mit Feld 035). Adressat: Dr. med. Urbanek, Regimentsarzt, Palembang auf Sumatra, Niederländisch-Indien, heute Indonesien.

Was der Absender zum Zeitpunkt der Briefaufgabe nicht wusste: Dr. med. Urbanek ist schon versetzt worden.

Erster Stempel auf dem Hinweg: Singapur, 3. September 1904. Britische Kronkolonie. Einen Tag später gibt die russische Armee in der Mandschurei nach elf Tagen Schlacht die Stadt Liaoyang auf. 19’000 russische und 23’000 japanische Verluste. Es ist die grösste Landschlacht des Krieges bis dahin.

Sechs Tage später erreicht der Brief Palembang. Dort wird er mit dem niederländischen Stempel versehen: „VERTROKKEN, PARTI“, übersetzt „weitergereist / abgereist“. Die Post vermutete den Adressaten an einem neuen Ort: Harbin.

Harbin war 1904 der russische Bahnknoten der Chinesischen Osteisenbahn, heute Hauptstadt der Provinz Heilongjiang. Vor allem aber Lazarett-Zentrum dieses Krieges. Nach Liaoyang trafen so viele Verwundete in Harbin ein, dass sich die Lazarettzüge auf neun Kilometer Länge stauten. Ärzte aus Russland, Deutschland und vom Roten Kreuz waren im Einsatz. Ob Dr. Urbanek je dort ankam, wissen wir nicht.

Die Reise des Briefes geht weiter: Weltevreden, heute Sawah Besar in Jakarta. Dann Hongkong. Dort kehrt er um.

Nicht ohne Grund. Vor dem Krieg gab es eine russisch-finanzierte Dampferlinie von Hongkong nach Wladiwostok, wöchentlich, über Nagasaki und Kanton. Von dort hätte die Transsibirische Bahn den Brief nach Harbin gebracht. Aber nach dem Verlust der russischen Pazifikflotte im Gelben Meer war diese Route geschlossen. Port Arthur belagert, Wladiwostok teilblockiert. Es gab keinen sicheren Weg mehr in die russische Mandschurei. Der Brief liegt wochenlang im General Post Office Hongkong. Mehrere Stempel zeugen davon. Dann gibt die britische Postverwaltung auf.

Der Brief tritt, noch immer ungeöffnet, seine Heimreise an. Am 25. Oktober 1904 ist er erneut in Singapur. Zehn Tage zuvor war die Baltische Flotte aus Libau (heute Liepāja in Lettland) zur 18’000-Seemeilen-Reise um die halbe Welt aufgebrochen. Russlands letzter Versuch, im Pazifik zu siegen. Drei Tage zuvor hatte die russische Marine in der Nordsee Fischerboote für japanische Torpedoboote gehalten und diese versenkt. Unser Brief kreuzte die Spur dieser Flotte. Ihr Ziel: die Meerenge von Tsushima zwischen Japan und Korea. Sieben Monate später wird Admiral Tōgō dort die Baltische Flotte vernichten, wie zuvor schon die Pazifikflotte im Gelben Meer.

Am 2. Dezember 1904 trifft der Brief nach einer Odyssee von sage und schreibe 114 Tagen durch drei Kontinente in Schaffhausen ein. Ungeöffnet. Einen Monat, bevor Port Arthur fällt.

Zwölf Leitstempel auf der Rückseite. Jeder zeugt von einem Versuch eines Postamtes, den Brief seinem Empfänger zu überbringen.

Was wir leider nicht wissen: Wer war Dr. Urbanek? Woher kam er? Hat er Liaoyang überlebt? Hat er je seinen Brief gelesen? Der Brief weiss es vielleicht. Doch für uns bleibt er ein stummes Zeitzeugendokument.

Genau das ist die Stehende Helvetia: nicht nur eine Marke, sondern ein Zeitzeuge. Zwischen 1882 und 1908 im Einsatz, in einer Schweiz, die zum ersten Mal wirklich international war, Heimat des Weltpostvereins in Bern, Sitz des Roten Kreuzes in Genf, Drehscheibe einer beispiellosen Auswanderung in alle Welt. Jeder Brief mit ihr kann eine Geschichte wie diese erzählen. Wenn man sie zu lesen versteht.


Beweismaterial aus den Quellen

Diese Geschichte steht und fällt mit einem einzigen Objekt: dem Brief selbst. Seine Stempel sind die Belege.

1. Der Brief, Vorderseite. Trägt alle Eckdaten sichtbar: Einschreib-Zettel „Schaffhausen No. 734″, Aufgabestempel 11.VIII.04, die grüne 50-Rp-Marke, die Adresse „Dr. med. Urbanek, Reg. Arzt, Palembang, Sumatra“ in Handschrift, und den niederländischen Vermerk „VERTROKKEN / PARTI“.

2. Der Brief, Rückseite. Zwölf Leitstempel mit lesbaren Daten (u. a. 3.9.1904 Singapur, Oktober 1904 Hongkong, 25.10.1904 Singapur Rückweg, 2.12.1904 Schaffhausen). Jeder Stempel dokumentiert eine reale Station der 114-tägigen Reise. Dies ist die postgeschichtliche Hauptquelle: der Laufweg ist nicht rekonstruiert, sondern abgestempelt.

3. Die Marke. Stehende Helvetia, SBK Nr. 74Ec, Druckplatte IIA, Feld 035. 50 Rappen grün, im Einsatz zwischen 1882 und 1908.


Simon Hächler

Philatelie-Experte und Inhaber der VENTIS Auktionen GmbH. Recherchiert die Geschichten hinter den Marken, aus Originalquellen.

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