Wer war Dr. Urbanek? Herkunft und Bruch

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Die Urbanek-Story · Teil 2

vor zwei Wochen habe ich Ihnen einen Brief gezeigt, der 114 Tage um die halbe Welt reiste und seinen Empfänger nie erreichte. Am Schluss blieb eine Frage offen: Wer war Dr. Urbanek?

Heute weiss ich es. Und die Antwort hat mich selbst überrascht.

Sein voller Name war Miroslav Urbanek, geboren am 16. März 1873 in Chrudim, einer Kleinstadt in Böhmen, damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien. Sein Vater, ein Bauernsohn, hatte es bis zum Direktor einer Zuckerfabrik gebracht. Von den drei Brüdern wählte nur Miroslav, der jüngste, die Medizin. Er promovierte in Wien, sein Titel: „Doctor of Medicine and Master in Surgery“.

Wie kommt ein böhmischer Arzt nach Sumatra?

Über die niederländische Kolonialarmee. Das KNIL suchte Ärzte für seine Garnisonen in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, und zahlte gut. Am 14. August 1903 wurde Urbanek zum Officier van Gezondheid 2. Klasse ernannt. Vier Wochen später ging er in Genua an Bord der „Prins Hendrik“. Am 19. Oktober 1903 erreichte er die Kolonie, wenig später das Hospital in Palembang.

Dann kam der Krieg. 1904 diente Urbanek im Jambi-Feldzug auf Sumatra. Gekämpft wurde in den Sümpfen, und dort war nicht der Gegner die Gefahr, sondern Fieber und Ruhr. „Das Klima“, so nannte man es damals. Keine zehn Monate, und es hatte den Arzt selbst zum Patienten gemacht.

Am 11. August 1904 reichte er sein Entlassungsgesuch ein. In den britischen Akten, die ich inzwischen einsehen konnte, steht der Grund wörtlich: „compelled to give up that appointment owing to the effect of the climate upon his health“. Fünf Tage später war er ehrenvoll entlassen.

Jetzt kommt der Punkt.

Der 11. August 1904, der Tag, an dem Urbanek in Palembang seinen Abschied beantragte, war derselbe Tag, an dem in Schaffhausen jemand den Brief an ihn aufgab. Zwei Menschen, 11’000 Kilometer voneinander entfernt, treffen am selben Tag eine Entscheidung. Der eine schickt einen Brief los. Der andere lässt alles hinter sich. Sie wussten nichts voneinander.

Ein kranker Mann am Ende einer Kolonialkarriere. Die meisten wären nach Hause gefahren. Urbanek ging in die andere Richtung, tiefer nach Asien, nach China.

In den Vertragshäfen am Jangtse begann ein Aufstieg, den ihm in Palembang niemand zugetraut hätte. Er sammelte ein medizinisches Amt nach dem anderen, zeitweise vier gleichzeitig: Hafenarzt, Amtsarzt, Polizeiarzt, Konsulatsarzt. Wie das möglich war? Davon im nächsten Teil.


Beweismaterial aus den Quellen

1. Geburtseintrag Miroslav Urbánek, 16.03.1873. Matrikenbuch, Státní oblastní archiv Zámrsk (SOA HK), Sign. R 15-2, fol. 18. Belegt Geburtsort Chrudim, Geburtsdatum und evangelische Konfession.

2. Heirat der Eltern, 02.06.1868. Matrikenbuch SOA Praha, Sign. 12, pag. 157–158. Vater Jan František Urbánek (Zuckerfabrik-Direktor), Mutter Antonie Juglová.

3. Die Klima-Begründung, im Original-Wortlaut. Despatch von Sir John Jordan, britischer Minister in Peking, 31.12.1907 (The National Archives, Kew, FO 369/131). Enthält die wörtliche Begründung für Urbaneks KNIL-Austritt: „compelled to give up that appointment owing to the effect of the climate upon his health“, sowie den Hinweis, er sei „for two years employed by the Netherlands Government investigating tropical diseases in the Dutch East Indies“ gewesen.

4. KNIL-Dienstakte. Nationaal Archief Den Haag, 2.13.04, inv. 659, fol. 0119. Ernennung 14.08.1903, ehrenvolle Entlassung 16.08.1904. Zum Digitalisat. Dazu 44 niederländische Pressemeldungen vom August/September 1903 (Delpher).

5. Wien-Studium, zweiter Beleg. North China Herald, 17.01.1908: „Dr. M. Urbanek, a graduate of the University of Vienna“. Plus der volle akademische Titel im Anstellungsvertrag (siehe Teil 3).

6. Familienhintergrund. Archiv hl. města Prahy (AHMP), Polizei-Konskription 1894 (Vater-Karte). Bestätigt „Miroslav, M.U.Dr., in China“, die früh verstorbene Mutter und die Wiederheirat des Vaters. Zur Familienkarte.


Simon Hächler

Philatelie-Experte und Inhaber der VENTIS Auktionen GmbH. Recherchiert die Geschichten hinter den Marken, aus Originalquellen.

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